
Das Bizarrikum Darmstadt (offizieller Name Darmstadtium) wird am 6. Dezember 2007 eröffnet.
Entgegen allen offiziösen Beteuerungen ist es hier sehr umstritten, sowohl wegen seiner Gestalt als auch seiner städtebaulichen Dominanz im Verein mit drei weiteren architektonischen Unzuträglichkeiten: dem Hotel mit Fensterfronten nach dem Prinzip »Obliquitas« (lat. Schiefe), dem »Torentor« als Tankstelleneingang zur TU und dem Plexiglassteg über den Schloßgraben.
Um als »mündiger Bürger« (Sonntagsredenjargon) nicht wortlos zuzusehen es ist ja nicht mehr zu verhindern, sondern nur zu kommentieren , habe ich eine kleine Zeitung »Augenmaßlos« erzeugt und sie zusammen mit Freunden in Darmstadt verteilt.
Weil sie nicht jede(r) bekommen kann, wird sie hier zum Download im pdf-Format eingestellt, und zwar in zwei Formaten:
zwei Seiten, so wie gedruckt, und
mit vier Seiten, um diese auf einem DIN-A-4-Drucker auszugeben.
Außerdem kann man mir Kommentare schicken, die hier, falls sie nicht anonym sind, eventuell (einvernehmlich) gekürzt und in »Notfällen« (Not für mich) kommentiert werden.
Emails an helmut.dressler@t-online.de und Kommentare
durchnumeriert und in zeitlich umgekehrter Reihenfolge sortiert:
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Auch wenn ich nur vier Jahre in Darmstadt lebte, ist
es mir bis heute herzlich verbunden geblieben - so komme ich hin und wieder
gern zurück zu Besuch, so auch jüngst im September, wo ich unter
kundiger Führung gut eine Stunde lang die neuen Baunachbarn der TU umrundete
und auch die Errichtung dieser Plexiglasbrücke miterlebte. Eingeladen,
wie ich war, sagt man seinen Gastgebern freilich nichts Unschönes, so
auch nicht, weshalb dieses Brücklein wohl im Nichts ende, allerdings
in mienem Fall der Ausgangspunkt des Rundgangs war. Dieser endete an einem
wunderlichen Hotel, an dem ich eigentlich nur ein vorgehängtes Großplakat
vermisste, dass man hier für EUR 49,90 nächtigen könne (natürlich
außer zu Events und Kongressen); um meine lange nicht mehr gesehenen
Freunde nicht zu kränken, lobte ich auch jenes mit dem schwachen Satz,
man könne gut erkennen, wie zukünftig ein Haus von außen aussähe,
wenn offenbar die Klimapolizei beim Zeichnen der Plane hinzugezogen werde.
Angesichts des Kongressgebäudes entschied ich, mich in dieses sofort
zu verlieben, und wie das mit dem schnellen Verliebtsein so ist, macht es
blind und blöd, und es bedurfte zur Genesung Helmut Dresslers Augenöffner.
Über die finanziellen Hintergründe weiß ich als Ortsfremder
nichts, hingegen sagten meine Gastgeber, Darmstadt erhalte endlich einen richtig
großen Saal, und da wäre nichts einzuwenden, irgendwer zahle schon
den Unterhalt, denke ich mal, und außerdem, so meine Senfzugabe, würde
der Bau garantiert so weltberühmt, dass man alles allein aus den Tourismuseinnahmen
bestreiten könne. So machen wir es wenigstens in München, wo man
uns keine Plexiglasbrücke, aber immerhin einen Transrapid schenken möchte,
und dann sind wir auch noch undankbar deswegen. So halte ich dieses Gebäude,
an dem sich allerseits die Altstadt wiederspiegelt, schon deswegen für
gelungen, weil kein Fenster und kein Fassadenteil dem anderen gleicht, und
lustig wie wir gerne sind, machten wir sogleich ein Spiel: Wer findet als
erster einen rechten Winkel oder gar ein Quadrat? Aber das nur, weil wir immer
noch so ungezogen sind wie vor 40 Jahren.
Insofern war meine Bemerkung, das Stückchen Stadtmauer vorn käme
wohl mit dem Bauzaun und -schutt auch noch rechtzeitig weg, deplaziert genug;
hingegen waren wir alle darin einig, dass die umgebende Altstadt alsbald abgerissen
gehört, weil sie nun endlich da nicht mehr hingehört. Befände
sich dieser schwarze Solitär zum Beispiel dann mitten in einem quadratkilometergroßen
Park, mit hohen Eichen und Buchen und viel Wiese ohne Blumenkübel, sähe
das Ganze doch sehr edel und repräsentativ aus - eine nachbarliche Neubebauung
vermochten wir uns nicht vorzustellen und würde sicher scheitern, sei
es nun mit oder ohne rechte Winkel.
Der Rundgang endete an einem damals noch unfertigen Tor, von dem meine Gemahlin
unschuldig meinte, es werde wohl die Einfahrt zur Tiefgarage werden. Dermaßen
beeindruckt, reisten wir tags darauf wieder zurück nach München,
in welchem es allenthalben zu lesen gibt, wie provinziell wir Münchner
nun mal seien und deswegen sogar noch glücklich. Man wollte nie ein Spießer
sein, und allein dieser Wunsch belegt deutlichst, wie arg es um einen längst
bestellt ist.
Wolfgang Mengel, München