13-Dez-2006 19:31

HD: Unglimpf

Helmut Dreßler
Hans Reimann im »Geheimreport« von Carl Zuckmayer

Erst 2002 erschien im Wallstein-Verlag, Göttingen, eine Schrift, die Carl Zuckmayer schon 1943 für den amerikanischen Geheimdienst OSS (Office of Strategic Service) geschrieben hat. In ihm steht die folgende Passage:

20. Hans Reimann ist von allen Nazi-Kreaturen die übelste Erscheinung. … Immerhin gelang es Reimann, dauernder Mitarbeiter der gefährlichsten und mächtigsten Nazizeitschrift, des himmler’schen "Schwarzen Korps" zu werden; und seine übelste Schurken- und Feiglingstat leistete er sich in dessen Spalten im Jahr 1938 … als man unmittelbar nach dem Überfall auf Österreich einige frühere Kollegen und Freunde von ihm … einfing, mißhandelte und in die KZs sperrte – unter anderen Reimanns besonderen Intimus aus alten Kabarettzeiten, Paul Morgan. Das Schwarze Korps brachte eine jener Photographien … Paul Morgan … und ein paar andere Juden… zwischen zwei stolz in die Brust geworfenen, schwer bewaffneten S.A. Männern, aufgenommen bei der Einlieferung von einem KZ ins andere. Darunter ein Artikel, geschrieben und gezeichnet von Hans Reimann …

Der »Anschluß« Österreichs geschah ab dem 12. März 1938. »Das Schwarze Korps« (1935 – 1945) ist in einigen Bibliotheken vollständig oder auch lückenhaft erhalten; diese Quelle kann man also benutzen und den Sachverhalt überprüfen. Bisher hat dies jedoch anscheinend niemand getan. Alle Rezensenten seit 2002 haben Zuckmayern geglaubt, unbesehen, ungeprüft. Aber: In keiner der 52 Nummern des Schwarzen Korps 1938 gibt es solch ein Foto. Es gibt deshalb auch keinen »darunter« von Hans Reimann gezeichneten Artikel. Weder darunter noch darüber noch daneben, eben überhaupt keinen.

Von allen Behauptungen Zuckmayers über Hans Reimann ist nur diese mit einem gewissen Aufwand (ca. 6 Stunden) entweder zu be- oder zu widerlegen. Alle anderen Schilderungen, gar die des Besuchs und des Rausschmisses unter Tränen aus Zuckmayers Wohnung, die ansonsten geschildert werden, bleiben für uns als Nachwelt nicht veri- oder falsifizierbar, es gab keine Zeugen. Abgesehen, davon, daß es gerichtsnotorisch ist, daß Reimann für das Schwarze Korps nur zwei – nicht gezeichnete – Artikel geschrieben hat, lange vor 1938, er demnach nicht »dauernder Mitarbeiter« war.

Die Tatsachenbehauptung ist also falsch. Über Paul Morgan gibt es einen – nicht gezeichneten – ganzseitigen Bericht im Schwarzen Korps, in einer Artikelserie »Die Pest von Wien« vom 12. Mai 1938 – mit dem Titel »Alte Bekannte« –, der aus Nazisicht mit ihm abrechnet, ihm u.a. vorhält, daß er mit einem Brief von Gustav Stresemann (19. Juni 1923) für sich und diesen geworben und »Greuel über Greuel« erfunden habe, gegen die Nazis selbstverständlich. Und dann folgt höhnisch: »…Alles in der Welt geht seinen Gang. Der Heldenmut erntet Lohn: Herr Morgan sitzt. …« Er ist später in einem KZ ermordet worden.

Von den nachfolgenden Äußerungen Zuckmayers, Reimann habe »…der SA und SS sozusagen schriftlich gegeben … warum man solche Schädlinge mit Fug und Recht zu mißhandeln habe …« steht (selbst) in diesem Artikel nichts.

Kein solches Foto, kein gezeichneter Artikel, keine »solche« Passage im Zusammenhang mit Paul Morgan. Im Schwarzen Korps (1938) gibt es überhaupt keine Fotos von Ariern zusammen mit Juden, nur immer entweder solche von diesen oder von jenen, entsprechend präsentiert und kommentiert. Alle politischen Artikel sind nicht gezeichnet, weder mit Namen noch mit Kürzel. Gezeichnet sind fast ausschließlich die wenigen »literarischen« – harmlos-gutgläubigen – Geschichten und Gedichte, etwa von Felix Riemkasten, Paul Eipper (»Habt Ehrfurcht vor der lebendigen Natur!«), Josef Martin Bauer, Eugen Roth, Heinrich Zerkaulen, Hans Heinrich Blunck oder Michel Mumm. Dieser ist wohl ein Pseudonym; der schrieb ständig Gedichte der propagandistischen Art.

Die Herausgeber des Geiheimreports hätten das auch nachprüfen können und müssen! In der Universitäts-Bibliothek Frankfurt/M ist u.a. der vollständige Jahrgang 1938 des »Schwarzen Korps« erhalten, anderswo auch; man hat ihn dort 1972 mikroverfilmt, und jeder Bibliotheksbenutzer kann den Film per Fernleihe bestellen und sich anschauen. Das habe ich im November 2006 in der Landes- und Universitätsbibliothek Darmstadt getan, zweimal von vorn bis hinten, etwa 1250 Seiten, davon allerdings ca. 1/5 Reklame; man würdige meine Geduld und Indolenz. Und noch einmal im Dezember zusammen mit einem Freund, zur Sicherheit.

Die zitierte Passage im »Geheimreport« ist »reine« Erfindung Zuckmayers. Davon stimmt nichts. Und es ist die einzige wirklich nachprüfbare Passage. Alle anderen müßte man glauben, abgesehen von der scheinbar detailgerecht wissenden Formulierung »aufgenommen bei der Einlieferung von einem KZ ins andere«; aber aus welchen SS-intimen Kenntnissen konnte Zuckmayer das wissen, gar wenn es das Bild überhaupt nicht gibt(!)? Hatte er in dieser Zeit das »Schwarze Korps« gelesen? Vermutlich nicht, denn nach dem »Anschluß« war er 1938 aus Österreich bereits in die Schweiz emigriert. Zu lesen brauchte er wohl auch nicht, er »wußte« ja aus sich heraus, was die da schrieben und zu schreiben hätten und wer das tat, und daran hat er sich offensichtlich fünf Jahre später in kreativer Weise erinnert.

Also seien Interessierte aufgefordert, ebenfalls das »Schwarze Korps« zu durchsuchen und nachzuprüfen. Man muß sich das antun, um dieser Wahrheit auf die Spur zu kommen. Der Mikrofilm wird alsbald nach Frankfurt retourniert (noch kann man ihn mit mir zusammen ansehen, bis 20. Dezember), jedoch von ihm gibt es sogar zwei Exemplare allein in Frankfurt. Er ist also zugänglich.

Welche Konsequenzen diese simple Einsicht hat, vermag ich nicht abzuschätzen, jedoch wer einmal so massiv lügt, dem können auch seine anderen Behauptungen nicht unbesehen geglaubt werden. Sie sind alle fragwürdig geworden. Bleibt die Frage nach Zuckmayers Motiven.

Hans Reimann ist damals vor 1933 vielen Leuten literarisch auf die Füße getreten, große Rücksicht hat er nicht genommen. Seine Haltung von 1933 bis 1945 war nach außen hin anfangs naiv – so erzählte er dem Erich Kästner von der ihn überraschenden Aufforderung, fürs Schwarze Korps zu schreiben – und danach indifferent und taktierend, bei allerdings intensiver Nazigegnerschaft zuvor (»Mein Krampf« war seit 1931 angekündigt) und vermutlich nur insgeheim in der Nazi-Zeit um zu überleben. Sie ist ihm nach dem Krieg gehörig vergolten worden, nicht nur von Zuckmayer, auch von Erich Kästner und manchen anderen und wirkt bis heute nach.

Der Verlag Wallstein muß nun wohl in jedes Exemplar seiner »historisch-unkritischen Ausgabe«, das er noch verkaufen will, einen Zettel reinlegen, um die Herausgeber zu korrigieren, die eine solche essentielle Passage ungeprüft und unkommentiert auf die Menschheit losgelassen haben. Hans Reimann aber, der Autor des Vergnüglichen Handbuchs der deutschen Sprache, wird sich im Grabe nun von der einen auf die andere Seite legen, froh, daß zumindest diese eine Verleumdung getilgt ist.

Literatur:

• Carl Zuckmayer: Geheimreport (Dossiers über deutsche Künstler, Journalisten und Verleger im "Dritten Reich"), hrsg. von Gunther Nickel und Johanna Schrön, Göttingen: Wallstein 2002

• Das Schwarze Korps 1938 (Nrn. 1-52) auf Mikrofilm; Universitätsbibliothek Frankfurt/M; Grundsignatur MF 8763, Aufnahme 15. 8. 1972
(In der Bibliotheksdarstellung werden die Nummern 22 und 29 als fehlend angegeben, dies stimmt nicht, die Sammlung auf dem Film ist vollständig.)

Da die »prompten Reaktionen« inzwischen länger sind als der ursprüngliche Artikel, stehen sie auf einer Extraseite.