
Prompte Reaktion
Anruf (Hrsgb.) Gunther Nickel, (10.12.2006) Sonntag morgens 11.40: Ich solle meinen »Hetzartikel« zurückziehen er habe auch eine Kopie des von mir erwähnten Artikels über Paul Morgan und nun wörtlich (als Gedächtnisprotokoll sofort niedergeschrieben): Nickel: Ich schlage vor, Sie nehmen Ihren Hetzartikel aus dem Internet, und ich verzichte darauf, Sie zu verklagen. Ich: Nein, das machen wir nicht. Nickel: Dann bekommen Sie von meinem Anwalt Post.
Kommentar: In den Anmerkungen der Herausgeber zum Geheimreport betr. Hans Reimann (Seite 241ff) und Paul Morgan (Seite 245) ist der von mir beschriebene Artikel nicht erwähnt, erst darunter zum Stichwort »Schwarzes Korps« wird er knapp beschrieben, keine SA- oder SS-Männer; stattdessen der andere diskriminierte Schauspieler Fritz Schulz auch im Profil als lächelnde Militärperson aus einem Film (1921?). Es gibt keinerlei Anmerkung zu der von mir zitierten Passage, außer der, daß (auch) dieser Artikel nicht gezeichnet ist.
Meine Bemerkung »ungeprüft und unkommentiert« ist demnach nur fast richtig: geprüft, kommentiert, aber keinerlei Hinweis darauf, daß die Zuckmayersche Darstellung nicht stimmen kann. Insbesondere kein Verweis auf die Diskrepanz zwischen Darstellung und aufgefundenem Artikel, außer (s.o.)
Ich werde wohl diese Seite aus dem Schwarzen Korps, wohl oder übel, also übel, auch veröffentlichen müssen, damit zu beweisen ist, daß die Zuckmayersche Darstellung damit nichts zu tun hat (» zwischen stolz in die Brust geworfenen, schwer bewaffneten S.A. Männern «).
Außerdem Emails von Gunther Nickel
(Herausgeber) und Thedel von Wallmoden (Verleger),
beide 11.12.2006;
und Kommentar
Nun auch der Artikel aus dem Schwarzen Korps.
Herr
Dressler,
die auf Ihrer Internetseite erhobenen Vorwürfe "ungeprüft und
unkommentiert" sind auch nicht "fast richtig". Sie sind schlicht
und
ergreifend falsch. Ihre mehrfache Durchsicht des "Schwarzen Korps",
für
die man Sie bewundern soll, hat einen Befund ergeben, der im Kommentar
zum "Geheimreport" längst mitgeteilt wird, und zwar auf S.
245 f. zum
Stichwort "Artikel" (nicht zum Stichwort "Schwarzes Korps").
Sie
hätten diesen Kommentar erst lesen sollen, bevor sie anfangen,
wüste Beschimpfungen abzusondern. Dann wären Sie auch auf ein Zitat
eines mit Reimanns vollem Namen gezeichneten Artikel "Jüdischer
Witz
unter der Lupe" gestoßen, in dem es heißt: "Die Neigung
zum Übersteigern
wuchert dermaßen im jüdischen Hirn, daß es oft schwer fällt,
zwischen
Ausgeburten morscher Intellektualität und plattfüßiger Blödelei
zu
unterscheiden. [...] Weit davon entfernt, geradeaus zu denken und
normal zu handeln, stürzen sich die Kinder Israels in
Spitzfindigkeiten. Sie spiegeln sich im rassischen Ebenbild und
schleichen den vertrauten Pfad kurvenreicher Mentalität« (Velhagen
&
Klasings Monatshefte, Jg. 58, 1944, S. 255-257, hier: S. 255). Selbst
wenn der Artikel über Paul Morgan im "Schwarzen Korps" nicht
von Reimann stammen sollte, so trifft Zuckmayers Portrait - wie der
Artikel "Jüdischer Witz unter der Lupe" beweist - doch den
Kern von
Reimanns Charakter. Im übrigen halte ich es für überaus
wahrscheinlich, daß der Text über Morgan von Reimann stammt. Gegenüber
der Reichsschrifttumskammer hat er selbst angegeben, etwa ein Dutzend
Texte im "Schwarzen Korps" "gehabt" zu haben. Das geht
aus den
Entnazifizierungsakten in Reimanns Nachlaß zweifelsfrei hervor. Und
wer wenn nicht Reimann wäre geeigneter gewesen, um mit einem
Kabarettisten "abzurechnen"? Wenn wir auch nicht wissen, welche
Artikel Reimann für das "Schwarze Korps" geschrieben hat, weil
sie
alle anonym erscheinen sind, so ist doch völlig unstrittig, daß
Reimann Mitarbeiter dieser üblen SS-Gazette war. Das scheint Sie aber
nicht im geringsten zu stören.
Ohne Anlaß zu freundlichen Grüßen
Gunther Nickel
P.S.: Sie können
diesen Text gern auf Ihrer Internetseite
veröffentlichen, dann aber bitte vollständig und nicht derart
kryptisch wie meinen Anruf am gestrigen Morgen.
Sehr
geehrter Herr Dressler,
Danke für Ihre mail und den Link auf Ihre Seite "unglimpf".
Offen gestanden: Ich lese Ihre Zeilen mit Ratlosigkeit und Bestürzung.
Sie nehmen an Zuckmayers Äußerungen Anstoß und bedienen sich
dabei selbst
der Terminologie der Nazi-Propaganda. Zuckmayer schreibt vom "Überfall
auf
Österreich", während Sie es offenbar für besser oder angemessener
halten,
hier nur vom "Anschluß" zu sprechen. Warum nicht gleich "Heimholung
der
Ostmark ins Reich"?
Aber das ist ja nur der Anfang, Sie fahren dann in Ihrer Apologie des üblen
Nazi-Denunzianten Hans Reimann fort und unterstellen dem Herausgeber des
Geheimreport, Herrn PD Dr. Nickel, daß er Zuckmayers Behauptungen nicht
geprüft habe. Hierzu fällt mir mir nur Lichtenberg ein: "Wenn
ein Kopf und
ein Buch zusammenstoßen ..." Aber das kenn Sie ja bestimmt.
Auf S. 243 in den Anmerkungen zum Geheimreport hätten Sie doch lesen
können
- wenn Sie es hätten lesen wollen -, daß Hans Reimann selbst zugegeben
hat
"seit 1935 etwa ein Dutzend Beiträge im Schwarzen Korps gehabt"
zu haben.
Das steht so in seiner Spruchkammerakte, die sich in seinem Nachlaß
in
Marbach befindet. Den Zeitaufwand mit der Durchsicht des "Schwarzen Korps"
hätten Sie sich also getrost sparen können, denn das haben die Herausgeber
bereits vor Ihnen getan. Sinnvoller wäre Ihre Zeit auf einen Besuch in
Marbach verwendet worden, denn dort hätten Sie sich im Nachlaß
über die
weiteren Machenschaften von Reimann informieren können. In - ich möchte
sagen - schonender Verknappung finden Sie aber die wesentlichen Fakten auf
den S. 241-243 im Kommentar zum "Geheimreport", die ich Ihnen zur
nachträglichen Lektüre unbedingt empfehlen möchte. Und wenn
Sie sich
wirklich für den Artikel im "Schwarzen Korps" interessieren,
dann sollten
Sie auch noch S. 245, Stichwort "Artikel" lesen.
Aber, da wir uns ja zumindest flüchtig kennen, erlauben Sie mir eine
persönliche Frage: Was veranlaßt Sie dazu, sich für einen
offenkundigen
Opportunisten und Parteigänger der Nazis einzusetzen? Wir haben vermutlich
gar keine Meinungsverschiedenheit, wenn wir, anders als Zuckmayer, die
"Sächsischen Miniaturen" witzig finden. Auch Reimanns Polemik
gegen Arthur
Dinter ist beachtlich und in ihrer Stoßrichtig nur zu loben. Aber ändert
das
etwas an der Tatsache, daß er, der den Nazis durch seine früheren
Publikationen bei Stegemann verhaßt sein mußte, sich nach 1933
ganz extrem
angebiedert hat und dabei vor keiner Denunziation zurückgeschreckt ist?
Was veranlaßt einen gebildeten Menschen wie Sie, sich zum Fürsprecher
eines
Hans Reimann zu machen?
Und, weil es mich persönlich betrifft, noch eine persönliche Frage:
Was
veranlaßt Sie dazu, im Hinblick auf ein Buch, dessen Kommentarteil mehr
Seiten umfaßt, als der darin enthaltene Text von Zuckmayer, zu behaupten,
daß Zuckmayers Äußerungen über nicht-emigrierten Autoren
oder Theaterleuten
vom Herausgeber oder vom Verlag ungeprüft und unkommentiert gedruckt
worden
sind? Das ist mir absolut rätselhaft und ließe sich allenfalls
dadurch
erklären, daß Sie das Buch selbst nie in der Hand hatten.
Mit den besten Grüßen
Thedel v. Wallmoden
PS: Wenn Sie
meinen Brief auch auf Ihre homepage stellen wollen, so bin ich
damit unter der Bedingung einverstanden, daß Sie ihn dort vollständig
wiedergeben.
---------------------------------------------
Thedel v. Wallmoden
Wallstein Verlag GmbH
Geiststraße 11
D-37073 Göttingen
Kommentar:
1. Ein solches Foto ist
im »Schwarzen Korps« 1938 nicht vorhanden.
2. Es gibt keinen von Hans Reimann gezeichneten Artikel.
3. Der Autor des Artikels über Paul Morgan ist nicht bekannt.
Diese gegenüber
Zuckmayer kritischen drei Sätze haben in den Anmerkungen gefehlt.
Weil zu diesem Thema alles im Unklaren gelassen worden ist, haben wir (Werner
Wegmann und ich) uns schon vor Monaten da noch durchaus naiv
mit der Frage »Wahr oder unwahr?« beschäftigt: »Das
müßte man doch rauskriegen können.« Im Geheimreport
ist zwar ein (läppisches) Foto von Hans Reimann und seiner Frau (1927)
abgebildet, aber ein »Beweismittel« nicht. Wir wollten zunächst
Reimanns Rolle im Schwarzen Korps überprüfen, haben u.a. William
L. Combs The Voice of the SS: A History of the SS Journal »Das Schwarze
Korps«, Verlag Peter Lang, New York, Berne, Frankfurt/M, 1986 intensiv
durchgeblättert, natürlich auch das Personenregister, und auch nach
allen uns bekannten Pseudonymen gesucht; Befund: negativ.
Danach haben wir schließlich den Mikrofilm per Fernleihe bestellt, bekommen
und durchgearbeitet, wir wollten es genau wissen, mit dem bekannten Ergebnis,
s.o. Eigentlich hatten wir erwartet, das Foto zu finden und den »gezeichneten«
Artikel lesen zu müssen; dann würde unser Urteil heute mit dem von
den Herren Nickel und von Wallmoden übereinstimmen.
Warum wollten wir es genau wissen? Zwei Antworten: Nur exakte Kenntnis, nicht
das vage Vermuten (kann man Zuckmayer glauben?), erlaubt uns ein Urteil, das
unseren Ansprüchen gerecht wird, nicht aber Hörensagen. Hier stehen
Aussagen gegeneinander, die man ausnahmsweise(!) genau überprüfen
kann. Und: Hans Reimann hat für uns durchaus beachtliche Werke geschaffen
z.B. »Vergnügliches Handbuch der deutschen Sprache«
und »Hinter den Kulissen unserer Sprache«, dieses mit der Vorbemerkung
»Thomas Mann sagt von Hans Reimann: "Die Deutschen haben nie einen
so lustigen (und heimlich strengen) Deutschlehrer gehabt."«.
Die Urteile in den beiden Emails sind dagegen fragwürdig: »Im
übrigen halte ich es für überaus wahrscheinlich, daß
der Text über Morgan von Reimann stammt.« Diese Meinung
hat keine rationale Basis, ist nur von Zuckmayer bezogener Glauben, er ist
der »Gewährsmann«; aber es gibt kein Faktum, auf das sich
jemand berufen kann. Wenn Reimann gegenüber der Reichsschrifttumskammer
»geprahlt« hat 12 Artikel fürs Schwarze Korps geschrieben
zu haben war er nicht einmal »dauernder Mitarbeiter«, denn
jedes Jahr gab es 52 Nummern. Und vermutlich hat er denen gegenüber aufgebauscht,
um sich Vorteile zu verschaffen oder aber Nachteile abzuwehren; er hat sich
angepaßt und wollte überleben. Reimann schreibt in seiner Autobiographie
»Mein blaues Wunder« von gerade mal zwei feuilletonistischen Artikeln
1936. Und daß er politische geschrieben habe, gar solche »Leitartikel«,
ist auf Grund seines Ansehens als Humorist überaus unwahrscheinlich.
Es bleibt als bewiesen nur die allerdings schändliche Polemik über
den »jüdischen Witz« (1944).
Wie aber wird ein Urteil »Apologie
des üblen Nazi-Denunzianten Hans Reimann« und »
vor
keiner Denunziation zurückgeschreckt
« begründet?
Welche Fälle sind bekannt, wen hat er denunziert? Paul Morgan? Fritz
Schulz? Wenn das wahr und bewiesen wäre, hätte sich alle Welt auf
ihn gestürzt, die Sachen wären bekannt. Wen noch?
Nur eben Zuckmayer ist nun als Autorität dafür meiner Meinung
nach erledigt. Selbst die sehr peinliche Erzählung, wie ihn Reimann
zum Propagandastück verführen wollte und er ihn daraufhin rausgeschmissen
hat, ist zweifelhaft, denn Zuckmayer hätte sich in seiner Autobiographie
diese lausige Geschichte nicht entgehen lassen, falls er sich daran erinnert
hätte. Aber an möglicherweise erfundene Geschichten erinnert man
sich 20 Jahre später nicht mehr, eher an erlebte. Im ersten Kapitel des
Geheimreports »Charakterologie« übrigens ist auf Seite 13
der Satz »Der übelste mir bekannte Fall auf diesem Gebiet ist der
des >Humoristen< Hans Reimann.« durchgestrichen. Warum?
In dubio contra reum? Das kann keine seriöse Parole sein. Im Lebenskontext
hat Reimann wegen seiner durchaus lavierenden und angepaßten Haltung
auch ungerechtfertigte Verdächtigungen aushalten müssen; er hat
ein bißchen gebüßt. Das ist die andere Seite. Das Pseudonym
»Michel Mumm«, beispielsweise, wurde ihm (ab 1947) zugewiesen,
bis sich erst 1954 ein Hans-Erich Richter dazu bekannte. Verdächtigungen
bleiben, Richtigstellungen aber werden häufig nicht bemerkt. Es ist ja
beinahe schick, den Rei-buh-mann bedenkenlos zu malträtieren. Und schließlich
werden nachträglich bei späteren Lesern durch bestimmte Artikel
Vorurteile bestätigt, die sie selbst früher erst hervorgerufen haben,
ein Ouroboros-Phänomen. So erkläre ich mir die unbedingten, undifferenzierten
Vorbehalte des Herausgebers und des Verlegers. Sie bestätigen das mit
großer Verve, was sie selbst erst durch ihre Arbeit öffentlich
gemacht haben. Daran zu zweifeln ist unwillkommen. Aber, auch ich zitiere
gern G. C. Lichtenberg: »Zweifle an Allem wenigstens Einmal, und wäre
es auch der Satz: zweimal 2 ist 4.« Wir zweifeln an Zuckmayer und kreiden
es den Herausgebern an, daß sie unserem berechtigten Zweifel die Nahrung
verweigert haben: wir mußten selbst nachforschen. Nachträglich
kann man dafür ihre Motive sogar verstehen: Sie wollten es trotzdem
glauben, und sie tun es immer noch.
Fakten zu ermitteln ist die erste Aufgabe der Wissenschaft. Hinterher wird
interpretiert und ausgelegt. Wo aber ist die Dissertation über »Hans
Reimann im dritten Reich«? ein brisantes Thema. »Man«
spricht leichthin von Reimann-Artikeln im »Völkischen Beobachter«.
Nur der Wortlaut und die Quelle wären gefragt und die Situation, in der
jemand etwas verlautbart hat. Den VB durchzuarbeiten, wäre nun wahrlich
von uns zu viel verlangt. Es ist so vieles nicht wirklich geklärt, sondern
häufig sind nur Vermutungen gegeneinander gestellt. Die der »höheren«
Autorität setzen sich meistens durch.
Damit könnte die Auseinandersetzung eigentlich abgeschlossen sein; alle
sind zu Wort gekommen. Aber wenn es sachliche Antworten auf meine Fragen gibt,
werden sie selbstverständlich hier noch aufgenommen. Nur »Hetzschrift«
und »wüste Beschimpfung« sind unerwünscht. Auf Unterstellungen,
daß wir nicht gelesen hätten
, brauche ich nicht einzugehen.
Um jene drei Sätze gehts in erster Linie.
+
+ + + +
PS: Lieber als das Schwarze Korps zu durchforsten und solche Kommentare zu
verfassen hätte ich was für UnGzAvS
geschrieben oder mich mit unserer Fuzzy-Datenbank befaßt.
Aber ich werde noch den Artikel
aus der SS-Zeitschrift faksimilieren und hier unterbringen, auch wenn er höchstwahrscheinlich
mit Reimann nichts zu tun hat (ist geschehen: 13.12.2006).