»… o lieber Gott etwas aufs Zettulchen«
Helmut Dreßler über Aphorismentypen und Aphorismenmetrik


• Qualitätskriterien, Bewertung, Provokation
und Einsichten mit vielen Beispielen •


 

 

Vortrag, gehalten am 6. November 2004,
auf dem 1. Aphoristikertreffen in Hattingen

Dieser durchaus provozierende und für Aphoristiker nicht bequeme Vortrag kann gegen eine große Gebühr auch an anderen Orten gehalten werden.

Alle Zitate und Übersichten werden am Bildschirm /auf der Projektionswand schön und groß synchron mit dem Vortrag dargeboten.

Die Graphik (oben)spielt beim Thema »Verstehen« als Beispiel eine Rolle.


Abstract

Nach der Anfangsfrage Wie kann man als A.-Leser ohne zu übertreiben systematisieren und ordnen, so daß ein Urteil über einzelne Aphorismen verifizierbar bleibt und Bestand hat? entstehen drei Gruppen von Kriterien: Da Aphorismen fast immer apodiktische Behauptungen »zur Erkenntnis« sind, ist zunächst ihr Wahrheitsgehalt zu beurteilen. Überlegungen zur Machart werden eingeleitet durch die für Aphorismenschreiber provokante Sentenz Schreibt man nicht, weil man denkt, so ist es eitel zu denken um zu schreiben (Vauvenargues). Von »Formulierungen, die den Gedanken verzaubern« bis zu Antinomien, von der anstößigen Beschönigung bis zur sarkastischen Definition reichen die 21 Formen und Figuren zu ihrer Machart. Sie werden ergänzt durch jeweils zwei charakteristische Beispiele, also 42 Sentenzen u.a..
Positive Wirkungen lassen sich erzielen, wenn eine Pointe hinhaut, etwas verständlich erscheint, was man vorher nicht recht durchschaut hat, oder jemand innehält und nachdenklich wird. Aber auch negative Wirkungen entstehen als peinliche oder belanglose Nebenwirkung, durch Propaganda oder Moralin. Aus diesen Vorstellungen heraus werden Aphorismentypen definiert und eine Metrik zur Beurteilung der Sentenzen zwischen Ewiger Wahrheit und Quatsch herausgearbeitet. Die Probe aufs Exempel folgt schließlich mit einer Excel-Automatk – teilweise mit Fuzzy-Logik (als FuzzyDecisionTable) realisiert –, durch die einzelne Aphorismen mit Punktwert und Kommentaren eingeschätzt werden. Mit einem skeptischen Vers gegen höher Besinnen endete der Vortrag am 6.November 2004 in Hattingen
.

 

07-Jan-2006 18:57

HD: AKUT

Inhalt

Abstract

VORTRAG


hier nunmehr der gesamte Vortrag

Teilnehmer des 1. Aphoristikertreffens können auch das vollständige Excel-Schema zur Aphorismenmetrik anfordern, es wird ihnen kostenlos per Email übermittelt, zum Ausprobieren.


Inhalt  

1) Einstieg: drei Beispiele: Apodiktik immanent (Böhme, Rousseau, Franklin/Swift/Held,…)
Aphorismen lesen in Anthologien – einen nach dem anderen – rasche Erlebnisse der vorübergehenden Art • Motive von Aphorismenschreibern (»o lieber Gott …«) • Geschmacksache, Urteil, Objektivität – nur nach rationalen Kriterien • drei Beispiele mit Wirkungen und Nebenwirkungen • Funktion und Wirkung

2) Aphorismus: Erinnerung an seine strenge Definition
Echte und »unechte« Aphorismen • literaturwissenschaftliche Definition: konzis, kotextfrei, pointiert • Erweiterungen auf »Sentenzen« aller Art

3) Maßstäbe & Kriterien für Aphorismus, Sinnspruch, Denkspruch, Epigramm, u.a., sie zu würdigen oder zu verschmähen
Unmittelbare Wirkung • Verständlichkeit • Erkenntnisgewinn versus Vorurteilsbestätigung • Provokation • die Rolle der Pointe • Beurteilung implizit: langweilig, albern, brauchbar, exzellent

4) Erfahrungen eines Aphorismus-Lesers
Viele Tausende gelesen, überlesen, weitergelesen … • Die Verflüchtigung des Geistes im Zuge der Inflation • seltenes Innehalten • »ewige Wahrheiten« sind selten • Funktion, Machart, Wirkung • das Verstehen als solches • Sieben Niveaus des menschlichen Verstehens • Irrtum inbegriffen

5) Erstes Qualitätskriterien: Funktion =¿= Behauptung
Fast nichts als bloße Behauptungen • Fragen ganz selten • Wesentliches & Unwesentliches • Propaganda und Esotorheiten • Tiefsinn und naiver Idealismus • Überraschung auch ohne Pointe • Der Grad der Wahrheit ist nicht 0/1, sondern »fuzzy« (0…1).

6) Zweites Qualitätskriterium: Man merkt [die] Routine & Technik oder Anmaßung, und man ist verstimmt.
Hauptsache »Effekt« (?) • Macharten • Pointe auf Kosten des Gehalts • Antinomie, Antonym, Behauptung, Definition, Euphemismus, Fiktion, Interjektion, Lakonik, Metaphorik, Nonsens, Oxymoron, Paradoxon, Permutation, Sarkasmus, Verallgemeinerung, Verrätselung, Wortspiel • Witz • Beispiele für fast alle Macharten

7) Dritte Qualitätskriterien: Wirkungen auf die Leser/innen
Besinnung • Erkenntnis & Einsicht • Aversion gegenüber Mißgriffen • Paradoxa als Vehikel für rätselhaften Tiefsinn • Imponierpose • Nebenwirkung »Unwilligkeit« • Überpointierung • Nachdenklichkeit

8) Aphorismentypentheorie: von Erkenntnis bis Peinlichkeit – ein Versuch mit Beispielen
Wider die Beliebigkeit • Ewige Wahrheit, Treffliche Beobachtung, Fein formuliertes Prinzip, Knappe Moral, Neuer Sarkasmus, Menschliche Schwäche, Hämisch-genüßliche Übertreibung,, Antagonismus/Antonym, Absurde Antinomie, Paradoxon, Paradoxe Umkehr eines Sprichworts/einer Redewendung, Verrätselter Tiefsinn, Übermäßiges Philosophem, Forsche Verallgemeinerung, Tiefinnerliche Banalitäten, Belanglose Erleuchtungen/Schwärmerei, Selbstreferenz, Moralin, Propaganda, Quatsch • 20 Abstufungen für Wahrheitswerte (jederzeit absolut wahr …gediegene Halbwahrheit … garantiert falsch [s.u.]) • Spontane Bewertung eines Aph.-Exemplars

9) Ein Bewertungsschema als Spiel
Darstellung der rationalen Kriterien für Aphorismen • Metrik erzeugt relative Urteile • Das Eingabe-Schema (Excel) • Resultate je Aphorismus: Punktwert {0…100}, Typenzuordnung, Beurteilungstext • Probe aufs Exempel • kurze Erläuterung der Metrik-Algorithmen

10) Männer über Frauen – das Thema mit den meisten unterschiedlichen Beispielen – kurz oder lang! – als Übungskatalog für die Anwendung des Bewertungsschemas
Beispielsweise … • 3-5 beliebige Aphorismen – durch die Teilnehmer auf Zuruf einer Nummer ausgewählt. • Anwendung der Metrik • Sortierung und Überprüfung auf Plausibilität des Urteils

11) Respektlose Betrachtungen
Höchste Qualität eines Aphorismus • was besser kein Aphorismus wird • »höheres Besinnen« als Kandidat für Lyrik • Bekenntnis zu …

12) Anhang: Aufdeckung der Autoren + Diskussion
Auswahl-Prinzipien: möglichst viele Autoren & typische Ausprägungen • Am Bildschirm = langsam projiziert (repetierend, bis ausgeschaltet wird): die Zitate nun mit Autor.

Essay zum Vortrag (pdf)