23-Sep-2004 14:45

HD: Meinungen

Wer?, fragt sich Leserin, wird wohl ausgerechnet erpicht sein auf eines beliebigen Schreibers einzelne Meinungen, da es doch so viele Sachverhalte, Erscheinungen, Naturgesetze, Verhaltensweisen und Ungerechtigkeiten in der Welt gibt, die alle »eigentlich« zu behandeln wären.

Täglich schreiben doch so »uneeendlich« viele Leute, und man ist schon bedient, bevor man ihr's überhaupt angeguckt hat, geschweige denn gelesen. Also was sollen da noch »HD:Meinungen«? Man wird sie genauso ignorieren wie alle anderen, wenn man sich bei ihnen nicht doch mal zufällig fest- und sie gar bis zuende liest.

Schön, schön. Humor ist, wenn man's trotzdem macht & lacht und schreibt und nicht abhängig davon ist, daß es auch eine(r) liest. Das mag doch wohl sekundär sein. Das Gute tun und schreiben um seiner selbst willen – »seiner« bezieht sich auf »das Gute« – hat schon den Herrn Kant gefreut.

Also schreibe ich und leg's nieder und kümmere mich um Symptome sowie um scheinbare Nebensächlichkeiten, von denen ich mutmaße, daß sie irgendwann nicht nur mich beschäftigen werden, sondern auch ….

 

Kommt Zeit …

 

   
… kommt Meinung. 

1. schön'nahmdnoch

Ohne nachklappendes »noch« is' »schön'nahmd« allerdings wenig wert, denn wer das »noch« nicht beherrscht, ist kein neuzeitlicher Profi unter den immer noch jungen Erwachsenen, ist ungenügend konformiert und wird nicht alsbald ins Erfolg-Reich übernommen; er & sie bleiben dann vergleichsweise unbedeutend im Kampf ums tägliche Brot. »Brot« ist selbstverständliche Metapher und steht hier für Lebenskampf mittels Höflichkeit, die nicht nur urplötzlich vor wenigen Jahren die jungen Leute befallen hat, sondern sie auch noch bestätigt in ihrem Anpaßdrang. Der freundliche Ton ist zur Manier geworden – ein Schuft, wer falsches dabei denkt? –, aber fast jedes unproletarische Bürschchen und Mädel von 23 wünscht es uns wie unter Zwang, jedesmal, wenn man sie nachts in der Kneipe verläßt, obwohl wir uns gegenseitig nur gleichgültig sein können: »schön'nahmdnoch«.

Wiebitte? Was ich gegen gute Manieren, Höflichkeit, freundliche Gesten und Zuwendung habe? Doch wohl nichts, oder? Noch dazu, wenn sie von offensichtlich wohlerzogenen jungen Leuten kommen. Das kann doch nicht so schlimm sein, im Gegentum. Da hat die unreife Jugend endlich eine Form gefunden, wie sie sich in Übereinstimmung bringt mit dem Rest der Gesellschaft – endlich angeglichen, fein gemacht, den Erwartungen entsprochen – und da gibt es Leute, denen gefällt der Ton nicht? – »Phrase, Floskel, Formel, Redensart, nicht ernst gemeint, nach dem Munde geredet, was ganz anderes gedacht?« – »Guten Abend« ist doch auch nichts anderes, die neue Zeit findet eben neue Formeln. Die jungen Leute schinden guten Eindruck, und ihre Verabschiedung ist doch »gut gemeint«.

Ich dagegen beklage dies als Symptom des Opportunismus' und eine Artigkeitsmode, die ja nix kost', und vermisse die Unangepaßtheit, suche den Widerstand gegen die Konvention zugunsten intensiver Eigentlichkeit, aber ohne Jargon, empfinde ihren Umgang also als Ausdruck einer untertänigen Konsumentenhaltung. Sie konsumieren nicht bloß irgendwelche Markenartikel, sondern ducken sich unter den ganzen Kapitalismus in seiner modernen Form, wollen ihm gegenüber alles richtig machen und unterwerfen sich ohne Arg, aber in uneingestandener Angst vor den unschönen Abenden, die ihnen drohen, wenn sich die »Menschenmarktlage« so weiter entwickelt und sie mal so alt sein werden wie ich; dem beugen sie – reichlich hilflos – vor, dem begegnen sie mit Devotion und wollen sich selbst eines imaginären Rückhalts versichern. Rebellieren möchten sie nicht, attackieren schon gar nicht. Sie merken es jedoch nicht, wie unterworfen und angepaßt sie sich mit ihrer Katzbuckelei geben, nur scheinbar souverän, bis es ihnen die Situationen ausgetrieben haben werden oder bis es ihnen einer sagt. Bin ich da etwa der erste? – Wohl kaum.

»In der Delinquentenzelle« hat damals der Herr Tegtmeier als Aufseher einen Mörder bis zur Hinrichtung begleitet, er selbst hatte Feierabend, als jener vom Herrn Staatsanwalt zum Galgen abgeholt wurde, und hatte für ihn noch ein freundliches Wort: »Na, dann, alles Gute! Nä?«

PS: Junge Leute, die zuerst in der »großen Welt« auftreten, müssen schüchtern oder draufgängerisch sein: ein sicheres und gemessenes Wesen verwandelt sich gewöhnlich in Unverschämtheit. • La Rochefoucauld

PPS: »schön'n« anstatt »gut'n« könnte darauf hin deuten, daß der den jungen Leuten nun ernsthaft überkommene Ausdruck ursprünglich ironisierend gemeint war wie die »schlanken Pinien«, denn »schön'n« klingt eher lapidar hingeworfen wie »Schön'n Tach noch junge Frau!«, wenn am Marktstand ein Verkäufer sein Geld erhalten hat. Mutet das »schön'n« nicht eher wie Verhohnepipelung an? Hat es nicht einen Unterton wie »von oben herab« oder »neben de' kapp'«? War es nicht vielleicht zuerst bloß Ulk? – Lasset uns nachsinnen und in uns hineinhören, hereinhören, aus uns heraushören! Schließlich: Wer weiß die Sprechgeschichte von »schön'nahmdnoch«, wer war dabei, als es das erste Mal ausgesprochen wurde? Wer weiß, von wem?



Offener Brief an die Lokalredaktion des Darmstädter Echos

Sehr geehrte Damen und Herren,

als ich den Autorinnennamen las zum Artikel »Rot-Grün beschließt Abwassersatzung • … – OS/3 will wissen …« (23. 9. 2004), habe ich erwartet, da nicht Klaus Staat drüber stand, daß er sachlich informiere und die sonst üblichen spezifischen Herabsetzungen fehlen würden. Aber Pustekuchen! Frau Fempel – das muß sie von Staat gelernt haben – entblödet sich nicht, ins selbe Horn zu pusten und Michael Siebert en passant »erneut« als Rumpelstilzchen zu bezeichnen.

Den einzigen, dem ein Widerspruch und Fehler aufgefallen ist, der ihn zur Sprache bringt und Aufklärung verlangt, stellt das »DarmEcho« (geläufige Abkürzung und jetzt nach »Rump.« natürlich geradezu zwingend) wie üblich als närrisch dar, aber es macht damit auch eine der wichtigsten Funktionen des Stadtparlaments lächerlich: den Magistrat zu kontrollieren.

Da man doch weiß, daß Vernunft und Verstand in vielen komplizierten Sachfragen nur bei einer Minderheit von Personen zu finden sind und die Abnicker und Handhochhalter in Parlamenten zwar mitbestimmen, aber nur selten mitdenken, hat die Presse die Aufgabe, sich um Minderheitenvoten zu kümmern, weil sie qualifiziert sein könnten, und ihnen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen, denn es gehen sonst qualifizierte Vorschläge verloren.

Die gegenteilige Art hat bei der Lokalredaktion des DE in der Person des Klaus Staat schon eine üble Tradition. Die oppositionellen Minderheiten werden zugunsten der machthabenden Mehrheit verunglimpft, in vorauseilender Ablehnung, und ihre Anstrengungen sachlicher Art als persönliche Marotte diskriminiert. In meiner aktiven Zeit als Stadtverordneter (1989-1996) ist das dutzende Male passiert, auch gelegentlich mit mir, und danach schockweise (1 Schock = 60 Stück) mit anderen.

Anstatt Kritik, Widerspruch und alternative Vorschläge zu bedenken, zu diskutieren, zu würdigen und wenn‘s sein muß, abzulehnen – mit Argumenten, Meinungen, Gegenalternativen –, beschränkt (ein wahres Verb!) sich die Lokalredaktion bei solchen Fällen meistens nur aufs Lächerlichmachen von Personen der Minderheiten und Abfotografieren der Posen von Repräsentanten. Da heutzutage »Personalisieren« als die Arbeitsweise der Presse – von Bild bis Spiegel … – gelten muß, weil angeblich die Leser/innen das lieber lesen als deutliche Sachlichkeiten, hat Herr Staat intern wohl gute Karten für seine Fassons. Aber nur intern. Nach außen hin sind das Luschen.

Ich habe es mir inzwischen abgewöhnt, für Herrn Staat hilfreiche Invektiven auszudenken, es nützt ja doch nichts, aber Frau Fempel, die nun mit ihm zweistimmig ins selbe Horn pustet, weil sie getreulich diese Schrulle von ihrem Vorbild und Vorgesetzten abgeschaut hat, darf man doch getrost als Staatsmagd bezeichnen, oder?

Es grüßt
die einen mehr, die anderen minder freundlich

Helmut Dreßler

Darmstadt, den 23. September 2004